Arbeitsplatzintegriertes Lernen versus eLearning: Alter Wein in neuen Fässern oder ganz was Neues?
Interview mit Wolfgang Raback, Managing Director der imc information multimedia communication GmbH, Österreich
Ein großes Thema für Unternehmen ist Mitarbeiterfortbildung. Ein wichtiges Konzept ist hierbei arbeitsplatzintegriertes Lernen. Was ist darunter zu verstehen?
Arbeitsplatzintegriertes Lernen bedeutet, den notwenigen Wissenserwerb eines Mitarbeiters mit den konkreten Arbeitsprozessen zu verzahnen. In vielen Situationen macht es heute keinen Sinn mehr, „auf Vorrat“ zu lernen. Der Mitarbeiter lernt „on the job“, im konkreten Anlassfall immer gerade das, was er benötigt. Besonders sinnvoll ist arbeitsplatzintegriertes Lernen beim Erlernen bzw. der Bedienung von Software sowie der Einhaltung der damit verbundenen Business-Prozesse, insbesondere bei komplexen Anwendungen wie zum Beispiel SAP. Möglich wird dies durch sogenannte Electronic Performance Support Systeme (EPSS), wie z.B. LiveContext. Das EPSS der IMC stellt Mitarbeitern innerhalb einer Software-Anwendung im Bedarfsfall kontextsensitiv die benötigten Informationen zur Verfügung, so dass diese mit nur einem Klick die gerade wichtigen Informationen finden und abrufen können und auch bei steigenden Anforderungen und bei Veränderungen immer wissen, was zu tun ist. Das spart enorm Zeit und verbessert dabei noch die Qualität der eingegebenen Daten. Arbeitsplatzintegriertes Lernen trägt damit entscheidend dazu bei, die Nachhaltigkeit und die Effizienz von Schulungsmaßnahmen zu steigern und damit Transfersicherung und Return on Investment von Bildungsmaßnahmen zu gewährleisten.
Inwiefern unterscheidet sich arbeitsplatzintegriertes Lernen vom eLearning wie wir es bisher kannten? Ist eLearning überholt? Wo stößt auch Arbeitsplatzintegriertes Lernen an seine Grenzen?
Arbeitsplatzintegriertes Lernen ist eine konsequente Weiterentwicklung und Ergänzung zu eLearning und eLearning ist ein wichtiger Teil des arbeitsplatzintegrierten Lernens. Ein gewisses Basiswissen muss immer vorab über die Aus- und Weiterbildung in Form von Präsenz-Trainings oder eLearning-Kursen angeeignet werden. eLearning Einheiten können beim arbeitsplatzintegrierten Lernen kontextsensitiv aufgerufen werden. Arbeitsplatzintegriertes Lernen erfordert aber wie eLearning eine gewisse Änderung in der Lernkultur von Unternehmen und Mitarbeitern. Die Eigenverantwortung des einzelnen steigt, das Nutzen kollaborativer Werkzeuge wird immer wichtiger.
Wirklich Sinn macht arbeitsplatzintegriertes Lernen natürlich nur am IT-Arbeitsplatz. Es sei denn, man fasst den Begriff so weit, dass jede Anleitung am Arbeitsplatz als solche zu werten ist, dann betreibt das der Mensch aber schon seit der Einführung des Handwerks. Hochkomplexe Themen und Soft Skills sind ebenfalls über arbeitsplatzintegriertes Lernen schwer zu vermitteln.
Worin bestehen die organisationalen und technologischen Herausforderungen in Bezug auf Arbeitsplatzintegriertes Lernen?
Organisatorisch erfordert die Einführung von arbeitsplatzintegriertem Lernen ein fundiertes Wissen über die Prozesse im Unternehmen, damit die Lerneinheiten und Hilfestellungen optimal in den Arbeitskontext eingebettet werden können. Die technologische Herausforderung besteht darin, ein System anzubieten, dass es dem Lerner erlaubt, direkt in seinen für die Arbeit benötigten Programmen zu arbeiten und im Bedarfsfall die benötigte Information ohne umständliches Suchen und ohne Wechsel in andere Applikationen zu bekommen. LiveContext legt sich wie eine transparente Glasscheibe über die Original-Applikation und erkennt feldbezogen, wo Hilfe gebraucht wird. Die Inhalte reichen dabei von einfachen textuellen Anleitungen über Links, kleine eLearning Einheiten bis zu komplexen Simulationen. Die Inhalte können vom Schulungsverantwortlichen mit einem Autorentool selbst erstellt, laufend gewartet oder ergänzt werden.
Welche sind die zentralen Aspekte beim Arbeitsplatzintegrierten Lernen? Welche Services sind von besonderer Bedeutung?
Ein wesentlicher Punkt beim Arbeitsplatzintegrierten Lernen ist die Bereitstellung von kontextsensitiven Informationen und die Möglichkeit zur Zusammenarbeit, zum Beispiel durch Ticket- und Community-Systeme. Diese eröffnen die Möglichkeit, mit anderen Anwendern rasch und unkompliziert in Kontakt zu treten und damit Zugang zu implizit vorhandenem Wissen der Kollegen zu erhalten und davon in der eigenen Arbeit zu profitieren. Die Identifikation des Arbeitskontexts sollte über die notwendigen Prozesse erfolgen. Die Kenntnis darüber, wann welche Schritte zu setzen sind, ist Voraussetzung dafür, diese Schritte für den Mitarbeiter aufzubereiten und an der richtigen Stelle abrufbar zu machen. Darin liegt die große Chance des arbeitsplatzintegrierten Lernens. Unnötiger Ballast wird vermieden, der Mitarbeiter lernt individueller und zielorientierter als bei jeder anderen Schulungsform.
Das Interview führten Tassilo Pellegrini, Semantic Web Company und Gisela Granitzer, Know Center Graz. Veröffentlicht wird das Interview auch im Wissenstransferblog "Gebloggtes Wissen".

